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Poesie, eingeschnitzt in Holz

 

Angel Gottfried Stefanov bewahrt unverblasste Erinnerungen an seine Familienurahnen: Missionäre in Generationen, die in der Zeit von Peter dem Ersten nach Osteuropa kamen, und an die künstlerische Präsenz seines Vaters,  dessen Begeisterung für Klavier,  Harmonium, klassische Gitarre und Violine sich mit dem Bedürfnis zu malen verband. In dieser familiären Atmosphäre war für Stefanov bereits am Ende der Gymnasialzeit der endgültige Wunsch ausgereift sich, für das Studium an der Kunstakademie zu bewerben, wo er 1974 ins Atelier für Schnitzkunst aufgenommen wurde.

 

In den 70er Jahren verstärkte sich in der bulgarischen angewandten und dekorativen Kunst, ähnlich wie im damaligen Rumänien und Ungarn, das Interesse   für die Volkskunst und ihre authentischen Wurzeln. Künstler, die in Schnitzerei  ausgebildet waren, wurden für das groß angelegte Programm in Ästhetisierung  des Interieurs von öffentlichen Gebäuden, Rathäusern und Konzertsälen eingesetzt. Es wurden auch spezialisierte Ausstellungen der dekorativen Kunst organisiert, die häufig durch Internationale Präsenz und begleitende wissenschaftliche  Symposien begleitet wurden. In dieser Periode waren bei den internationalen Ausstellungen in Sofia alle europäischen Tendenzen der dekorativen Kunst vertreten.

 

Als Stefanov die Akademie mit einem beeindruckenden Erfolg absolviert hatte und in die riesengroße künstlerische Ausstattungstätigkeit im Land einbezogen wurde, zeigte er bereits in seinen ersten Arbeiten ein hohes Niveau und  Meisterschaft. Seine Teilnahme an den internationalen Ausstellungen wurde mit Interesse aufgenommen. Und 1978 wurde er bei der 2. Quadriennale des Kunsthandwerks in Erfurt ausgezeichnet. Danach folgten weitere Auszeichnungen und ehrenvolle Möglichkeiten. wie 1991 die bulgarische dekorative Kunst in Deutschland zu vertreten, worauf Gruppenausstellungen in Frankreich (1992), Mannheim, Heidelberg (1995) und in Paris (1989) folgten.

 

Das Lieblingsmaterial für seine künstlerischen Vorhaben ist Holz, das er sachkundig bearbeitet, wobei er es polychrom gestaltet und dabei maximal seine natürliche Struktur nutzt. In seinen Interpretationen gibt es einige dominierende Themen. Sie haben den Charakter einer Ballade oder eines Liedes und sind mit  den bildlichen und Zeicheneinflüssen der plastischen Folklore verbunden. Dafür sprechen auch die Titel seiner ersten Werke „Ballade“ und „Mein Lied“

 

Es muss auf eine charakteristische Besonderheit seines Gestaltungsstils hingewiesen werden. Der Künstler hat sein eigenes ornamentales System, das auf  der plastischen Tradition der bulgarischen Wiedergeburtskunst basiert. Die stilistische Lesart ist jedoch modernisiert. Diese Behandlung der Plastik ist in den Kompositionen Jugend und Wiedergeburt zu sehen. Hier wird auch eine zusätzliche Tendenz in der Symbolik der bildlichen Elemente deutlich, die sich in der Ganzheitlichkeit der Konstruktion äußert, die durch Dynamik und rhythmische Zusammenwirkung von plastischen Elementen erreicht wird. Die Idee verbindet sich mit Assoziationen und deren Metamorphosen beim Übergang vom Feuer zum Licht. So erfahren die Figuren in der gemeinsamen Bewegung polyvalente Umwandlungen, verwandeln sich in Flammen und flammenartige Strukturen und werden zu einer allgemeinen Flammendynamik. Seine künstlerische Herangehensweise distanziert sich von der Illustrativitat und Didaktik, die so typisch für andere Autoren sind.

 

Der gleiche symbolische Sinn ist im Thema Baum des Lebens und seinen unterschiedlichen kompositorischen Varianten enthalten. Die Zweige sind hier durch aufblühende menschliche Figuren dargestellt und die sich vermehrenden miteinander verflochtenen Zweige mit einer multizellularen Struktur umranden die Sonne und bestätigen sich als Hauptelement der Komposition. Solche dynamische Rhythmik des ganzen Bildes setzt einen zusätzlichen Sinnakzent – Triumph des unerschöpflichen ewigen Pulsierens.

 

Ein anderer wichtiger Archetyp seiner künstlerischen Denkweise ist die Platzierung im zentralen Teil seiner symbolischen Kompositionen von weiblichen und männlichen Figuren. Dieses im Grunde genommen archaische und mythologische Inventar ist universell, wie eine bildliche und poetische Sprache. Es ist die Sprache die seinen Werken einen besonderen Wert verleiht, unabhängig von deren konkreten Bestimmung: ob verbunden mit der Innenausstattung der öffentlichen Gebäude, deren Förmlichkeit gezwungenermaßen auch ideologische Elemente enthält  oder eingefugt in das moderne Interieur vom Typ Ritualität des Raums. Dabei ist der Künstler weit von der äußeren Anpassung des Inhalts entfernt und bleibt immer seinem bildlichen System und dessen liefen und sakralen Grundlagen treu.

 

Seine Serie Bulgarische Heilige zeugt von diesen neuen Veränderungen in seinem Schaffen und stellt ihn als einen reifen Künstler dar. Die Grundlage bildet für Stefanov die bemerkenswerte Figur des Heiligen Kliment von Ochrid, gearbeitet im ganzen Baum, die sich gegenwärtig in Ochrid befindet und den wenigen erhalten gebliebenen Reliefbildern aus der Zeit der Preslaver und Ochrider künstlerischen Tradition (10.-11. Jh.) nachempfunden ist.

 

Es ist bekannt. dass nach dem 10. Jh. unter dem Einfluss von Byzanz,  die reine transzendentale Dematerialisierung der Form durch die steigende Schematisierung und streng reglementierende Kanonisierung in der Kunst überwog. Man kann nur bedauern, dass die frühen christlichen Reliefs, mit ihrer ursprünglichen Vitalität, verdrängt worden sind – hier ist die typologische Nahe zu ähnlichen Erscheinungen in Westeuropa in Bezug auf die Kultreliefs und die Plastik der romanischen Kunst. Bis heute sind in Bulgarien einzelne Fragmente von Preslaver Reliefs und Reliefschmuck von Kapitellen und Gesims sowie das in seinen künstlerischen Eigenschaften seltene oben erwähnte Reliefbildnis des HI. Kliment von Ochrid erhalten geblieben.

 

Der Künstler Angel Stefanov hat dieses Beispiel als Ausgangsimpuls und Orientierungspunkt für seine künstlerischen Versuche genommen und appliziert Formen über die Ikonenstruktur, indem er Gold und Tempera verwendet. Durch diese delikate Polychromie verwandelt er das von ihm benutzte Holz in seiner Natürlichkeit und Struktur in eine autonome künstlerische Form; Er baut durch seine Fantasie und Meisterschaft seine Visionen in die Holzstruktur ein. Dieses neue Herangehen umfasst auch bereits bekannte Themen und Gestalten.  So fügt  sich das Thema „Feuertänzer“ in die flammenartige Form des Holzes und folgt den natürlichen Gegebenheiten des Materials. Mythologische Bedeutungen der Figuren, die in vertikale Strukturen des traditionellen Zauns eingebunden sind, werden den horizontal fallenden Elementen in Form von Feuertänzerinnen gegenübergestellt.

 

Genau so stellt das Holz in der symbolischen Realisierung der Heimat-Idee die Gesamtheit von Schafen, Fiedlern und Schäfern als aus dem Boden schießende Samen dar. Er wurde durch die Idee hingerissen, ein eigenes Bild der transformierenden und allgemeinen Bewegung der Natur aufzubauen, wie es in seinem Werk Die Evolution zu beobachten ist. Alles bewegt sich und wird angetrieben in einem mächtigen Strom. Der Autor spurt die Poetik der Gegenüberstellung und der transformierenden Einheit des Geistes und der Materie. Es scheint. dass das Holz selbst für die Eingebungen und Vorhaben des Künstlers reift, Es wird zu einem Organ dieses lief greifenden Zusammentreffens der Kunst mit der Natur. Im Werk ist das Holz mit dem natürlichen Sprung von unten verarbeitet. Er assoziiert sich mit dem Fluss an einem Symbol der Evolution und den einzelnen Seelen (von allen und allem), die in ihn hineingezogen werden. Der Autor sagt, dass er für diese Idee von William Blake inspiriert worden war.

 

Plastische Erfahrungen der Umwandlung der Materie in den Geist sind Resultat zahlreicher verschiedener künstlerischer Realisationen. Unter dem Zeichen der beabsichtigten und durchdachten Ästhetisierung stehen viele geschnitzte Decken von Konferenzsälen (heute als Ritualsäle benutzt), Interieur-Lösungen, Schränke, verschiedene Türen mit ornamentalen Strukturen.

 

Das Interesse zur ornamentalen Symbolik ist auch in seinen späteren Arbeiten ständig vorhanden, die der Autor als Ethno-Arbeiten bezeichnet. Das ganze Eifahrungsgut findet seine natürliche verallgemeinerte Gestalt in den Projekten und Plastiken der Reihe Engel. Der Künstler versucht, den Zustand der Niederlassung wiederzugeben, bevor der Engel die Erde berührt, den Zustand im Raum zwischen der Erde und dem Himmel – eine Art Erstarren zwischen Oben und Unten. Das Holz ist so behandelt, dass Übergange zwischen der Dunkelheit und dem Licht wiedergegeben werden können. Für Stefanov ist das Licht all das, was schöpferisch ist und sich bewegt. Die Engel sind Außer ihrer Anfertigung in Holz auch in rostfreiem Stahl projektiert worden. Einen großen Eindruck macht Segnendes Engelein mit seinem zu Herzen gehenden Leuchten.

 

Einige Projekte zeigen die Möglichkeiten von verschiedenen Materialien: Metall, Glas und a jour-Bearbeitung als Gegenüberstellung von positiven und negativen Strukturbesonderheiten. Die plastischen Gegenüberstellungen verleihen der Plastik einen besonderen Geist und sakralen Sinn.

 

Es muss auch auf die interessante Realisierung eines Werks mit folkloristischer Balladenthematik (Eingemauerte Braut) hingewiesen werden. Die Legende gab die Intention des Autors vor. Sich deutlich abzeichnende Fragmente der gesamten Figur-Kopf, Arme und Beine- werden in Hotz gearbeitet und in eine Wand aus Gips und Stein eingemauert.

 

In den letzten Jahren experimentiert  Stefanov in einem neuen Bereich: meditative Bilder auf Holz. Nicht zum ersten Mai verwendet er hohle Baume und natürliche Krümmungen der Naturform und zeigt ein feines Gespür für die konkrete Holzstruktur im Bearbeitungsprozess. In allen diesen Werken vertritt der Künstler offen die Ästhetik der reinen autonomen Form.

 

Die Werke Erzengel Michael und Schutzengel, in Silber und Gold gehalten, beeindrucken durch das gefundene Maß an Lichtsymbolik und bringen uns einer bestimmten poetischen Konzeption naher. die geschmackvoll in die Ausdrucksmöglichkeiten des Holzes eingebaut ist.

 

Spartak Paskalevski

 

Angel Gottfried Stefanov

Gestalten der Seele

                  „ Die Aufgabe eines Künstlers ist es, mit seinen Werken

das Streben der Menschen nach Vervollkommnung zu fördern“

Wenn ich mich um das Ordnen meiner Gedanken zu diesem Thema bemühe. muss ich nach den Quellen suchen, aus denen ich die Inspiration zum Entdecken und Kreieren meiner Engels- und Heiligenfiguren geschöpft habe…

 

Bei diesem ‚Zuhören“ meiner Seele, bei dem ich nach der Selbst- und Welt, Erkenntnis suche, beginne ich auch nach einer neuen Form zu trachten, um diesen Erkenntnissen eine Gestalt zu geben. Und irgendwann entdecke ich die entsprechende Form in einem Holzstück, das einmal ein Baumstamm gewesen war. Dieser Baumstamm, der eine naturgegebene Form hat, stellt für mich ein lebendiges Symbol dar: das ist doch ein Zylinder, der vortrefflich die Verbindung zwischen dem Himmel und der Erde, den Menschen und Gott verkörpert. Und diese Feststellung ist wie ein Aufleuchten für mich: in diesem Baumstamm. der mir von der Natur gegeben ist, erblicke ich Gestalten von Engeln und Heiligen-figuren, die an der Grenze zwischen zwei Welten – der himmlischen und der irdischen – erscheinen.

 

Die Engel mit den in die Hohe ragenden, sich beinahe berührenden Flügeln, im Augenblick kurz vor dem Landen auf den Boden (in einer Position, die den Himmel oben und die Erde unten zeigt), verleihen dem Augenblick eine materielle Gestalt. Mit ihrer zylindrischen Form stellen diese Figuren einen Letter dar, ein optisches ,,Kabel“ für die geistige Energie, durch das die ,,göttliche“ Liebe (symbolisch durch die grün-blauen Herzchen dargestellt) oder Musik Fließen kann. Die Hände der musizierenden Engel spielen auf den vertikal fallenden Lichtströmen und flimmernden Farbfunken. Die Engel-Gestalten verbinden das Zusammenfließen lassen von Instrument, Musik und Interpret miteinander. Sie sind das Licht, die Musik, die Liebe, die von oben hinunter strömen.

 

Erzengel Michael – ein Lichtstrahl! Die Figur ist hell, das Schwert und der Harnisch strahlen ein von Gold- und Silberfaden durchwobenes Licht aus. Dieses Licht symbolisiert Kraft, Wurde, Wahrheit. Das sind Visionen aus den Quellen meiner Selbst- und Welterkenntnis, meiner Erfahrung in der Kunst, meiner neuen Entdeckungen und Definitionen der Formsprache, die uns das Gute und das Böse im Leben und in der Kunst erkennen lassen kann. Und alle diese Quellen fuhren zur einen – zur ersten, zur Quelle des Lebens: zu Gott!

Biografie

1939 – Geboren in Mirkovo

1974 – Abschluss der Kunstakademie Sofia mit Auszeichnung; Fakultät  für angewandte und dekorative Kunst;  Fach: Holzschnitzerei Teilnahme an international en Ausstellungen

1978 – nahm er an der II-nd Quadrinnale der dekorativen Kunst der sozialistischen Länder – Erfurt und gewann den Hauptpreis der Quadrinnale.
1989 beteiligt sich an der Auswahl der „Bulgarian dekorative Kunst“, in der Galerie präsentiert „Haus am Luelkowplatz“, Foerderkreiss Kulturzentrum in Berlin, Deutschland.
1991 – nahm er an der pan-europäische Ausstellung der dekorativen Kunst – „Konfigura 1- Die Kunst Europas“ – in Erfurt. Im selben Jahr – in der Ausstellung „Zeitgenössische bulgarische Kunst“ Galerie „La Sonderangebot“ – Palermo, Italien. Organisieren Sie eine Einzelausstellung im Kulturzentrum „Mouton Noir“, Undervelier, Schweiz.
1992 – nahm er an der Gruppenausstellung „Zeitgenössische bulgarische Kunst“ in mehreren Städten in Frankreich.
1997 – nahm er an einer speziellen Präsentation von Künstlern der Arbeit mit Holz ganz Europa in Hannover, nach der Selektion und Jury – Ausstellung „Holz in Kuenstlerhand“ – Eine Sonderpaesentation der Ligna.
Einzelausstellungen:
1982 – Ausstellung in Erfrut als Sieger des II-nd Quadrinnale der dekorativen Kunst aus den sozialistischen Ländern
1995 – eine Einzelausstellung in der Gruppenausstellung „Empfindungen im Holz und Farbe“ in der Zentrale der Computer 2000 – Hauptverwaltung in München, Deutschland. Später am selben Ausstellung wurde in den Hallen des Heidelberger Schlosses gezeigt – Der Geschloss Heidelberg
1996 – die gleiche Ausstellung wurde in den Raum von Pipenbrock Unternehmenshauptverwaltung vorgestellt
2000 – Einzelausstellung „Balance“ in der Stadtkirche von Bad Wildungen, Deutschland.
2002 – persönlichen Ausstellung „Design der Seele“ in St. Marienkirche, Osnabrück, Deutschland; Ausstellung im Kloster Wittem – Niederlande
2003 – Ausstellung in Mauritiusrotunde im Konstanzer Münster, Deutschland; Einzelausstellung „Engel berühren die Seele“ in der Kathedrale in Menden, Deutschland
2004 – Ausstellungen im Krankenhaus St. Katharina-Kirche in Althen Rüthen, Deutschland
2005 – Einzelausstellung „Engel und Heiligen“ in Elisabethkirche in Marburg, Deutschland
2005/2006 – Einzelausstellung „Angels“ in St. Catherine, Osnabrück, Bad Arolsen, Bramsche und Bad Wildungen, Deutschland
2006/2014 – zahlreiche Einzelausstellungen von spirituellen Themen in Kirchen und Klöstern in Deutschland.

2015 – Einzelausstellung in Bad Wildungen Stadtkirche, Deutschland.